Zurück

SANIERUNG ALTSTADTHÄUSER 391 / 392, LANDSHUT

Die beiden Altstadthäuser 391 und 392 stammen aus der Zeit um 1475 und besitzen vor allem in den Dachstühlen, Decken und Wänden noch originale Bausubstanz.
Im Untergeschoß wurden Fundamente der Stadtmauer der 1. Stadterweiterung (1. Hälfte des 13. Jh.) wieder sichtbar gemacht. Durch die Verglasung des neuen Treppenhauses wird das Seitenportal der Gotischen Heilig-Geist-Kirche intensiv erlebbar.
Im Spannungsfeld zwischen Restaurierung und Integration neuer Bauteile entstand ein Ensemble, das Denkmalschutz und zeitgemäße Gestaltung reizvoll verbindet:


Die Renovierung der Häuser Altstadt 391 und 392 kann als kritische Rekonstruktion gesehen werden:


  • Entkleidung von späteren Einbauten
  • Wiederherstellung der konstruktiven und räumlichen Struktur aus der „Entstehungszeit“ der Häuser
  • Wiederverwendung von vorgefundenen außergewöhnlichen Ausstattungsgegenständen
  • Ergänzung durch zeitgeistige Bauelemente die mit der Historie in Dialog treten und das heutige Leben mit der Geschichte des Ortes verknüpfen

Maßnahmen
Konstruktive Ertüchtigung entsprechend der neuen Nutzung und der aktuellen gültigen Normen.(statische Belastung, Brand-/Schall-/Wärmeschutz). Durch Wiederherstellung eines schlüssigen statischen Systems und einer dazu stimmigen Nutzungsverteilung in den Gebäuden. Durch Reparatur und Ergänzung der kaputten konstruktiven Bauteile (Deckenbalken, Stützen, Ziegelwände). Durch Neuaufbau der Balken/Bohlen-Decken entsprechend den Schallnormen. Durch Einbau von vernetzten Rauchmeldern mit akustischen Warnsignalen sowie Neubau eines separaten feuersicheren Stiegenhauses mit Rauchmelder gesteuerter Entrauchung der Firstfenster. Durch ausreichende Dämmung der Dachflächen mit Aufdachdämmung und Einbau von neuen Holzfenstern mit Wärmeschutzglas.


Sanierung und Rekonstruktion der äußeren Gebäudehülle zur Altstadt und Hl.-Geist-Kirche hin: Die Altstadtfassade von Haus 391 wurde entsprechend alten Planunterlagen (veröffentlicht in „historische Bauwerke in Landshut, Band 3 von J. Königseder) und einem Foto das zwischen 1876 und 1911 aufgenommen worden ist, wieder zurückgebaut. Die so entstandene Fassade – hauptsächlich im EG – spiegelt durch ihre Öffnungen das Innere, wieder hergestellte, konstruktive System wider. Die Altstadtfassade von Haus 392 wurde entsprechend Befund abgeändert. Segmentbögen überhalb der Fenster im 1. und 2. OG wurden wieder geöffnet, ebenso die zugemauerten Fenster zur Hl.-Geist-Kirche hin. Der barock überformte Giebel erhielt wieder seine abhanden gekommenen „Ohren“. Als Farbe wurde in Absprache mit der unteren Denkmalschutzbehörde für Haus 392 ein komplementäres Grün zum Ziegelrot der Hl.-Geist-Kirche gewählt. Für Haus 391 ein zwischen dem Grün von Haus 392 und dem Blau von Haus 389 vermittelndes Grau.


Die Rückseiten beider Häuser waren durch die Anbauten der Kinos und der funktionellen Verknüpfung in ihrer ursprünglichen Erscheinung stark verändert. Da durch die rückseitige  Bebauung ein Innenhof zu Haus Altstadt 391 entstand, wurde die Fassade im EG und 1. OG (dies ist der Bereich der Banknutzung) großzügig geöffnet. Dadurch wird einerseits eine Querlüftung ermöglicht, andererseits der Innenraum der Bank, zu dem dann bewachsenen Höfchen dahinter optisch geöffnet. Die Rückfassade von Haus 392 wurde repariert, ihre Öffnungen rekonstruiert bzw. an die heutigen Funktionen angepasst. Sie blieb als historisches Relikt in Sichtziegel geschlemmt.


Das neue Stiegenhaus steht rückwärtig auf Distanz zu Haus 391 und 392 und ist von diesen über Brücken, welche die Gebäudefugen überspannen, zu betreten. In seiner Haltung sowohl konstruktiv als auch gestalterisch zeitgeistig, steht es im Dialog mit den beiden Altstadthäusern. Ein kleines japanisches Gärtchen im offenen Innenhof zwischen den Gebäuden ist Blickfang und Ruhepol vom Eingang zu den Gebäuden.


Im Inneren der Häuser Altstadt 391 und 392 wurde größter Wert darauf gelegt, den konstruktiven Bestand an Decken, Balken, Unterzüge und Dachstühlen zu erhalten und nur wo nötig fachgerecht zu ersetzen. Da brandschutzmäßig nur eine F-30 Anforderung bestand, konnten alle Decken und Dachstühle, wo es möglich war, sichtbar bleiben. So ist, neben der zusätzlichen gewonnenen Raumhöhe, das konstruktive System von Tragen und Lasten auf reizvolle Weise erlebbar. Ebenso konnten zwei restaurierte barocke Türen aus dem Bestand wieder an herausragender Stelle eingebaut werden.


Beim Ausschachten für das neue Stiegenhaus wurde auf der Seite der Hl. Geist - Kirche ein Teil der historischen zweischaligen Stadtmauer aus der zweiten Stadterweiterung (1. Hälfte des 13. Jahrhunderts) freigelegt, welche unmittelbar an den Hl. Geist - Friedhof angrenzte. Diese wurde dokumentiert, Stein für Stein abgebaut und nach Fertigstellung des Stiegenhauskellers in diesem wieder originalgetreu als Zeitfenster aufgebaut.


Bauherr: Herr Hans Graf, Landshut
Fertigstellung: 2009
Fotograph: Rolf Sturm, Landshut
Karl Sperk, Landshut
Statik:Gebäude: BBI – Bauer Beratende Ingenieure, Landshut
Stiegenhaus: Thomas Gandorfer, Untergangkofen
Außenanlagen:Wartner & Zeitzler, Landshut
Würdigung: Architektouren 2009 der Bayerischen Architektenkammer
Architektur: Architektenpartnerschaft Nadler Sperk Reif